Navigation in die Zukunft

Ein Gespräch mit Trendforscher Mark Morrison
Menschen sind von Natur aus neugierig und würden gerne in die Zukunft schauen können: Wie sieht das Morgen aus? Diese Fragen betreffen nicht nur die Gesellschaft und die Wirtschaft, worüber wir uns mit Prof. Dr. Zoltán Cséfalvay ausgetauscht haben, sondern auch den Alltag. Um den Wandel auf makro- und mikroökonomischer Ebene zu betrachten, haben wir ein Gespräch mit Zukunftsforscher Mark Morrison geführt.

Herr Morrison, die Globalisierung ist eine der zentralen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Viele globale Trends haben sich positiv entwickelt. Welche Veränderungen sind für unser – meist irrationales – Konsumverhalten zu erwarten? 

Mark Morrison: Das Konsumverhalten unterliegt einem ständigen Wandel, was sich gerade in der sehr interessanten Rekursion des Megatrends Globalisierung zeigt. Rekursion bedeutet: Jeder Trend erzeugt einen Gegentrend. Globalisierung verschmilzt zunehmend mit Regionalisierung. Die Leute haben auch bei globalen Produkten immer mehr Interesse an faireren Produktionsmethoden, achten auf die Umwelt und vor allem kaufen sie vermehrt Produkte aus regionaler Herstellung. Der Konsument ist heute eher der „Prosument“, der mitgestalten und bewusst entscheiden möchte und sich nicht nur steuern lässt. Die wirtschaftliche Dimension der Globalisierung wirkt sich in immer mehr gesellschaftlichen Bereichen aus: vom Bildungssystem und Konsum über die Massenmedien bis in unsere privaten Lebens- und Beziehungswelten. Globalisierung macht die Welt nicht zum „Dorf“, sorgt aber insgesamt dafür, dass sie kulturell vielfältiger wird.

In der globalisierten Welt müssen Einzelpersonen ihren Platz finden. Der Trend macht eine Schleife – Individualisten suchen Gemeinschaft und schaffen sie sich neu. Wie kann die weit verbreitete Single-Gesellschaft mit dem neu entwickelten „Wir“ zusammenleben?

M. M.: Wir nehmen wahr, dass eine neue „Wir-Kultur“ auf dem Vormarsch ist. Wenn man immer egoistisch unterwegs ist, wird man irgendwann einsam. Gerade in den Großstädten gibt es wieder das Bedürfnis, sich auszutauschen und gemeinsam Zeit zu verbringen. Das plakativste Beispiel ist der Trend des Sharings, wie Carsharing, Ridesharing statt anonymer Bahnfahrt oder das Flatsharing.

Ist Flatsharing das neue Wohnkonzept der Zukunft?

M. M.: Es ist zumindest ein neuer Baustein, wie Wohnen in einer individualisierten Welt funktionieren und Anonymität abgebaut werden kann. Besonders in Großstädten sieht man den Trend sehr stark, dass Menschen bestimmte Räume zusammen nutzen oder Gemeinschaftsgärten pflegen. So baut sich jeder weiterhin ein sehr individuelles Netzwerk auf, das jedoch Austausch und Begegnung ermöglicht.

Heißt das, wir Menschen werden zu­gleich auch achtsamer?

M.M.: Achtsamkeit ist erst mal relativ egoistisch. Es ist wichtig, dass es an erster Stelle mir gut geht. Die Komplexität der Welt fordert uns so stark, dass wir uns erst mal selbst finden müssen. Achtsamkeit ist hier ein Zugang. Wenn ich diesen Zustand habe, fällt es mir leicht, mit meiner Umgebung in Berührung zu kommen. Denn wahre Achtsamkeit ist im Außen erst möglich, wenn man es auch im Inneren ist. Früher wurden wir in die Gemeinschaft hineingeboren und mussten unsere Individualität suchen. Jetzt ist es genau umgekehrt. Wir werden als Individuum geboren und suchen uns temporäre Gemeinschaften.

Wahrscheinlich weisen unsere heutigen Biografien gerade aus diesem Grund mehr Umwege und Neuanfänge auf. Was bedeutet das für den Lebenslauf und welche Auswirkungen zeigen sich auf dem Arbeitsmarkt?

M.M.: Heute hat man tatsächlich mehrere Lebensabschnitte mit sehr individuellen Anforderungen und Erfahrungen. In der Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts sind diese vielfältigen Talente gefragt. Moderne Kreativarbeiter zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht mehr nur einen Abschluss oder eine spezifische Qualifikation vorweisen können, sondern mehrere Skills haben. Man ist Grafikdesigner, Webentwickler und Soziologe. Mit diesen „Slash-Slash-Biografien“ managen junge Nachwuchskräfte und ältere Arbeitnehmer ihre Arbeitsmarktfähigkeit. Die Märkte brauchen immer mehr Innovationskraft. Deswegen brauchen sie Menschen im Unternehmen, die vernetzt denken können. Immer öfter sind es Start-ups, die etablierte Unternehmen und Branchen unter Innovationsdruck setzen, da dort Menschen mit verschiedensten Hintergründen bzw. Lebensläufen aufeinandertreffen.

Sie haben vorhin das Carsharing angesprochen. Mobilität insgesamt ist selbstverständlich ein wichtiges Thema für uns. Welche Zukunftskonzepte sehen Sie in der Automobilindustrie?

M.M.: Carsharing ist auf jeden Fall eine sinnvolle Ergänzung der Mobilität – gerade im Kontext der Urbanisierung. Carsharing beschreibt einen Systemwechsel in der individuellen Mobilität – weg vom Besitz hin zur situativen Nutzung von Fahrzeugen. Allerdings finde ich autonomes Fahren als Innovationsfeld noch spannender, denn die zentrale Frage wird sein, wie ich Menschen dazu bekomme, autonomes Fahren für längere Distanzen zu nutzen und gerade nicht für kürzeste Wege – da dies das Potenzial hätte, das Verkehrssystem gänzlich zum Erliegen zu bringen. Außerdem sollten wir uns allgemein Gedanken machen, wie eine Stadt künftig aus der Sicht der Mobilität funktionieren kann. Unterirdische Strukturen könnten Ortschaften enorm entlasten. Da könnten praktisch zusätzliche Städte entstehen. Die Automobilindustrie ist auf jeden Fall an Bedürfnisse gekoppelt. In unterschiedlichen Lebensphasen haben wir unterschiedliche Bedürfnisse. Wenn ich zum Beispiel eine Familie gründe, brauche ich wahrscheinlich ein Auto. Die Frage ist, ob ich das Fahrzeug auch besitzen muss. Dafür ist es notwendig, eine gewisse Infrastruktur und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. In diesem Prozess werden klassische Automobilhersteller auf jeden Fall eine wichtige Rolle spielen.