Die große Zeitenwende

Heraklits Gedanken im Hinterkopf, wonach die einzige Konstante die Veränderung ist, haben wir mit Prof. Dr. Zoltán Cséfalvay, Ungarns Botschafter bei der OECD und der UNESCO, über diesen Wandel gesprochen – oder wie er sagt: über die große Zeitenwende.

Derzeit befinden wir uns mitten in der vierten industriellen Revolution. Welche Entwicklungsdynamik sehen Sie, die wir von früheren wesentlichen Umbrüchen in der Industrie bereits kennen und die auch heute spürbar sind? 

Prof. Dr. Zoltán Cséfalvay: Tatsache ist, dass die Triebfeder jeder industriellen Revolution immer eine Erfindung war, die die Epoche geprägt hat. Denken wir an die Dampfmaschinen der ersten Revolution, mit denen die physische Kraft von Mensch und Tier an Bedeutung verlor. Dann an den Taylorismus und die Fließbandproduktion – diese Denkweisen und Produktionsmethoden waren kennzeichnend für die zweite große Zeitenwende. Mit dem Aufkommen von IT-Systemen begann die computergestützte Produktion und damit die dritte oder digitale Revolution, die sich zur Industrie 4.0 entwickelte, wie wir sie heute kennen. Die Umsetzung der Smart Factory eröffnet wiederum neue Perspektiven. Ihre Grundlage bilden das Internet und die Vernetzung von Systemen und Maschinen. Dazu gehört auch das Internet der Dinge, das eine Verknüpfung der physischen, gegenständlichen Welt mit der digitalen Welt möglich macht und sich aktuell rasant entwickelt. Aus ihrer Natur heraus zwingt die industrielle Revolution das Individuum einerseits dazu, sich dem technologisch-wirtschaftlichen Wandel anzupassen, gleichzeitig hält sie aber auch ein großes Innovationspotenzial für den Einzelnen bereit.

Dieser Wandlungsprozess verläuft selbstverständlich nicht ohne Kon­flikte und erfordert veränderte Denk- und Handlungsweisen. Was für neue Fähigkeiten und Kompetenzen brauchen wir und welche Möglichkeiten bieten sich uns?

Zs.Cs.: Wir müssen uns auf eine neue Form des Wissens stützen, wir brauchen digitale Kompetenzen, die Fähigkeit zur Erneuerung, zu Flexibilität und Offenheit. Denken wir nur daran, wie die Menschen im Laufe früherer industrieller Revolutionen, zum Beispiel beim Aufkommen der Fabrikproduktion, lernen mussten, in einer Arbeitsschicht acht Stunden lang Maschinen zu bedienen. Dabei mussten sich die Arbeiter veränderten Regeln anpassen, was völlig neues Wissen, neue Fähigkeiten und Denkweisen erforderte, schließlich kamen die Leute zu dieser Zeit größtenteils aus bäuerlichen Gemeinden in die gerade erst entstehenden Fabriken. Eine erfolgreiche industrielle Revolution und damit eine nachhaltige Veränderung fand immer dann statt – wie etwa im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in Ungarn –, wenn die Innovation die Wirtschaft und die Gesellschaft erreichte und nicht mehr nur hinter verschlossenen Labortüren geschaffen wurde. Die Dynamik dieser Entwicklung zeigt sich heute noch deutlicher: Was früher ausschließlich das Privileg von Forschungs- und Großunternehmen war, das öffnet sich nun auch für Privatpersonen und Kleinunternehmen – und birgt ein dynamisches Wachstums- und Entwicklungspotenzial.

Wie würden Sie die Trends beschreiben, die infolge dieser weitreichenden Innovationen in der Wirtschaft sichtbar werden? 

Z. Cs.: Ein wesentlicher Trend besteht darin, dass sich Kommunikation nicht mehr nur zwischen Menschen, sondern auch zwischen Menschen und Maschinen und vor allem zwischen Maschine und Maschine abspielt. Das kennzeichnet ja die Industrie 4.0: die Maschine-zu-Maschine-Kommunikation. Ich bezeichne dies deshalb als eine große Zeitenwende, weil zu den neuen Technologien noch zahlreiche neue Trends hinzukommen, die die Wirtschaft als Ganzes verändern. Neue Wirtschaftsorganisationsprinzipien treten auf, etwa die Plattformwirtschaft. In dem Zusammenhang bilden sich neue Konsummuster wie die Sharing Economy. Neue Beschäftigungsmodelle gewinnen an Bedeutung und natürlich wirken sich diese Entwicklungen auch auf die Arbeitnehmergenerationen aus. Wie die neuen Technologien versprechen, sind keine langen Wertschöpfungsketten mehr nötig, die Produktion kann in direkter Nähe zum Verbraucher erfolgen.

Fast täglich werden neue technologische Lösungen entwickelt. Bedeutet die Plattformwirtschaft auch eine neue Form, Konsumenten zu erreichen, und ein verändertes Konsumverhalten?

Z. Cs.: Der Wirtschaftstrend der Zukunft wird vom Grundsatz „Vernetze dich und herrsche!“ bestimmt. Ich sehe hier eine Zeitenwende, weil die verschiedenen Plattformen, die in der digitalen Wirtschaft Bedeutung erlangen, auf der Angebots- und Nachfrageseite jeweils ein neues Netzwerk – mithilfe von großen Datenbanken und Algorithmen – erzeugen. Eine der wichtigsten Folgen daraus ist, dass anstelle des Eigentums eher die Nutzung und anstelle industrieller Produkte die Dienstleistung stärker in den Vordergrund tritt. So vollzieht sich die Transformation: Was wir für ein klassisches Industrieprodukt halten, wird immer mehr zur Dienstleistung. Dienstleistungsplattformen mit riesigen Datenbanken entstehen, die die bisherigen Schranken zum Markteintritt fällen. Mit einer guten Dienstleistungsidee kann ein Einzelner heute in wenigen Augenblicken ein Millionennetz von Verbrauchern aufbauen. Und zwischen Angebot und Nachfrage vermittelt anstelle eines Unternehmens eine Plattform: die Smartphone-App. Dieser Trend ist im Hotel- und Gastronomiegewerbe, im Handel, im Verkehr und im Finanzsektor deutlich zu spüren.

Dann können wir also sagen, dass wir im Zeitalter der Ideen leben? 

Z. Cs.: Ja, schließlich sind Innovationen heute offener, schneller und „demokratischer“ und gehen in Zukunft immer mehr in diese Richtung. Zwei, drei kreative junge Leute mit einer guten Idee und guten digitalen Lösungen in einem unterstützenden Umfeld können mit einem Start-up-Unternehmen fast aus dem Stand auf den Weltmarkt kommen. Dies verleiht auch der Wirtschaft eine stärkere Dynamik.

Mit dieser Entwicklung ändert sich gleich­zeitig die Situation der verschiedenen Generationen auf dem Arbeitsmarkt. Mit welchen Folgen für die Beschäftigung müssen wir rechnen? 

Z. Cs.: Die Generation Z ist schon im digitalen Zeitalter geboren und mit den neuen Medien groß geworden, sie lebt in einer Welt unbegrenzter und mobiler Kommunikation, und das ist auch der Anspruch, den sie an die Arbeitswelt stellt. Die Zukunft gehört der Digitalisierung und Automatisierung – doch nur bis zu einem bestimmten Punkt. Im Zeitalter der Robotik und Digitalisierung wird es immer zwei Bereiche geben, die nur uns Menschen vorbehalten bleiben: die kreative Intelligenz und die soziale Intelligenz. Rechtsanwälte können ihre Gerichtsakten digital erstellen, doch dort, wo Entscheidungen getroffen werden, die auf zwischenmenschlichen Beziehungen aufbauen, spielt der Mensch nach wie vor eine große Rolle. In der medizinischen Diagnostik sorgen digitale Geräte für ein präzises Bild, doch wenn es um die Behandlung und vertrauliche Fragen geht, sind die Erfahrung des Arztes, seine soziale Intelligenz und seine Sensibilität gefragt. Den Wandel können wir auch zum Anlass nehmen, uns endlich mit den Aktivitäten und Angelegenheiten zu befassen, die nur zu uns gehören und die uns zu Menschen machen.